Traumatisierte Geflüchtete behandeln!

“Ich hatte keinen Sinn in meinem Leben. Ich wollte mich selbst aus dieser Situation retten und zugleich war es verwirrend, weil ich gar nicht wusste, warum ich mich retten sollte. Ja, ich wollte die Therapie machen, vielleicht würde es helfen, aber warum sollte ich mir selbst helfen wollen? Was ist es wert? Was ist der Verlust, wenn etwas passiert? Was ist es wert, wissen Sie?”

Klient in einem Psychosozialen Zentrum für Flüchtlinge

 

Im Herkunftsland, auf der Flucht oder auch in Deutschland erleben viele Geflüchtete Situationen, die durch Gewalt, Folter und Krieg geprägt sind. Sie mussten mitansehen, wie ihre Angehörigen verhaftet, misshandelt oder vergewaltigt werden, ohne dass sie etwas dagegen tun konnten. Eltern haben ihre Kinder auf der Flucht über das Mittelmeer verloren, weil es trotz allem keine sicheren Wege für sie gab, über die sie dem Grauen hätten entkommen können.

All das sind traumatische Erlebnisse, die oft zu grausam, zu zerstörerisch und zu unmenschlich sind, als dass ein Mensch sie verkraften, mit denen er oder sie sich ohne weiteres wieder ein „normales“ Leben aufbauen kann. Einige Geflüchtete benötigen deshalb professionelle psychosoziale Unterstützung. Die Wissenschaft geht davon aus, dass etwa 40 % der Menschen, die bei uns Schutz suchen, aufgrund ihrer traumatisierenden Erfahrungen eine psychische Erkrankung entwickeln.

Aktuell hat aber nur ein Bruchteil dieser Menschen Zugang zu unserem Gesundheitssystem. Mit dem Asylkompromiss von 1993 wurde ein diskriminierendes Sondersystem geschaffen, das Asylsuchenden in Deutschland nur stark eingeschränkte medizinische und psychotherapeutische Leistungen zugesteht. Eine Psychotherapie für eine*n Asylsuchenden über das Asylbewerberleistungsgesetz zu beantragen ist seitdem ein bürokratischer Hürdenlauf. Oft lehnen die Behörden Therapien mit Begründungen ab, die sich keine deutsche Krankenkasse jemals erlauben würde.

Diese Situation ist untragbar. Gesundheit ist ein Menschenrecht und Leistungen des Gesundheitssystems müssen für alle Menschen gleichermaßen zugänglich sein. Das gilt auch für Flüchtlinge, Asylsuchende und Staatenlose, unabhängig von rechtlichem Status und Papieren – so hat es ein Ausschuss der Vereinten Nationen bekräftigt.

In Deutschland wird das Recht auf Gesundheit zugunsten migrationspolitischer Interessen relativiert. Das muss sich ändern. Dafür stehen wir ein.

Wir fordern, dass Geflüchtete und Überlebende von Folter die Behandlung bekommen, die sie brauchen.

 

Sprachmittlung sicherstellen!

„Sprache ist für mich sehr wichtig, weil es gibt… Zum Beispiel will ich meiner Therapeutin viel sagen und darüber sprechen, wie ich mich fühle oder was meine Erfahrung ist. Aber auf Deutsch… ich kann nicht verlässlich Deutsch beherrschen. Und es ist schwer für mich, meine Meinung zu sagen. Und wenn ich in meiner Muttersprache spreche, dann versteht sie mich auch gut. Also, das ist gut, wenn ich mit meiner Muttersprache spreche, auch über diese Erfahrungen als Flüchtling. Die schlechte Situation, Du hast deine Heimat verlassen und du kommst in ein neues Land, eine neue Kultur und dann musst du alles von Null machen.”

Salim Rahimi, Klient in einem Psychosozialen Zentrum

Ohne sprachliche Kommunikation können wichtige Inhalte, Probleme und Informationen nicht ausgetauscht werden. In Deutschland gibt es aber zu wenige muttersprachliche Behandelnde. Einige Geflüchtete möchten in der Therapie aus verschiedenen Gründen auch gar nicht mit Menschen aus ihrem Herkunftsland zusammenarbeiten. Daher ist der Einsatz von qualifizierten und für das Setting der Beratung und Therapie geschulten Sprachmittler*innen notwendig. Therapie mit Sprachmittlung ist genauso wirksam wie Therapie, in der keine Sprachmittler*innen benötigt werden. Trotzdem kommen die Behörden bei Geflüchteten – anders als zum Beispiel beim Gebärdendolmetschen – fast nie für Sprachmittlungskosten auf.

Wir fordern eine klare gesetzliche Regelung für die Finanzierung von Sprachmittlungskosten!

 

 

Unmenschliche Abschiebepolitik stoppen!

„Die Familie floh vor Gewalt und Rassismus auf behördlicher Ebene im Kosovo, weil sie in der Familie einen türkischen Migrationshintergrund haben. Sie haben vor Ort ganz große Probleme gehabt. Die Frau war schwanger im Kosovo, hat aufgrund der Stresssituation eine Fehlgeburt gehabt und war dann auch psychisch so labil, dass die Gedanken des Selbstmordes im Raum standen. (…) Nun steht die Abschiebung bevor, sie wurden abgelehnt. (…) Sie schläft nicht, sie isst nicht. Sie ist körperlich einfach nur am Ende und ich weiß, es gibt keine Lösung. Für das Baby wird nochmal ein Asylantrag gestellt, der wird aber jetzt gerade durch das Asylpaket II sehr wahrscheinlich abgelehnt. Dann hat sie noch ein paar Wochen im Mutterschutz und dann kann es aber durchaus sein, dass irgendwann die Polizei in der Tür steht und sie abschiebt. Und dann weiss ich nicht, wie sie das psychisch verkraften wird.“

Sozialarbeiterin über ihre Klientin

So der Bericht einer Sozialarbeiterin von ihrer Klientin aus dem Kosovo, das als vermeintlich sicheres Herkunftsland bezeichnet wird. Die Ohnmacht der Situation ist auf beiden Seiten zu spüren. Klient*innen, die bereits durch Beratung und Therapie stabilisiert werden konnten, fallen in schwere Krisen und Panikzustände, wenn eine Abschiebung angekündigt wird oder wenn sie miterleben, wie andere Menschen abgeschoben werden. Inzwischen ist in den Gemeinschaftsunterkünften so häufig Polizei vor Ort, um Abschiebungen zu vollstrecken, dass viele Informationen darüber, wem etwas zugestoßen sei, kursieren. Ohnehin belastete Menschen entwickeln dadurch weitere Angstzustände und ihre Erkrankungen chronifizieren.

Die Unterstellung, Menschen hätten alleine aufgrund ihrer Herkunft aus einem bestimmten Land, keine Gründe für Asyl, steht dem Recht aller Menschen, die zu uns fliehen, auf eine faire und individuelle Prüfung ihrer Asylgründe entgegen. Seit den Gesetzesverschärfungen im Asylpaket II können nun auch schwer kranke und traumatisierte Menschen viel leichter abgeschoben werden. Dabei ist aus fachlicher Sicht vollkommen unumstritten, dass v.a. traumabedingte psychische Erkrankungen sich im Falle einer Rückführung so gravierend verschlechtern können, dass akute Gefahr für Leib und Leben besteht. Für einige Personen scheint in diesen Situationen Suizid der letzte Ausweg zu sein.

Was unter sicheren Herkunftsstaaten verstanden wird, sind politische Entscheidungen. Akteur*innen vor Ort stufen die Situation in diesen Ländern – auch auf dem Balkan und gerade in Afghanistan – als nicht sicher ein. Berichte zeigen, dass Minderheiten weiterhin stark diskriminiert, verfolgt und angegriffen werden. Im Falle Afghanistans ist nicht einmal eine minimale psychiatrische Grundversorgung gesichert. In der einzigen staatlichen psychiatrischen Klinik Kabuls stehen für die Millionenstadt lediglich 60 Betten zur Verfügung. Nach Zahlen des Gesundheitsministeriums Afghanistans litten schon 2009 etwa 66% der afghanischen Bevölkerung an psychischen Erkrankungen.       

Therapeut*innen, Sozialarbeiter*innen, Dolmetschende und Ehrenamtliche begleiten Geflüchtete, die Menschenrechtsverletzungen, Verfolgung und Krieg ausgeliefert waren und die nun Stabilität und Sicherheit brauchen. Es ist unsere Verpflichtung, Geflüchtete vor weiterem gesundheitlichen Schaden zu schützen und sich aktiv gegen eine Abschiebepolitik einzusetzen, die Gefährdung, Krankheit und im Zweifel den Tod von Menschen hinnimmt.

Wir fordern die Regierenden auf, Abschiebungen in vermeintlich sichere Herkunftsregionen zu stoppen!

 

Unterstützt unsere Forderungen und unterschreibt diesen Aufruf.

Gesundheit darf kein Luxus sein – Gesundheit ist ein Menschenrecht!